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Muskuläre Verspannungen – Mythos oder medizinische Realität?

  • Autorenbild: Mareike Krahn
    Mareike Krahn
  • 9. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 11. Aug.

Die Bedeutung von Bewegung, Krafttraining und Physiotherapie aus wissenschaftlicher Sicht


Fast jeder kennt das Gefühl einer „verspannten“ Muskulatur. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter einer Muskelverspannung? Handelt es sich um dauerhaft angespannte Muskeln, die nicht mehr entspannen können? Sind die Muskeln tatsächlich härter oder steifer? Und welche Rolle spielen Stress, Bewegung und Krafttraining?


Diese Fragen begegnen Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten täglich. Die moderne Forschung zeigt jedoch, dass viele traditionelle Erklärungsmodelle heute kritisch betrachtet werden müssen.


Was sind muskuläre Verspannungen?


Chronische, vorwiegend muskuloskelettale Schmerzen betreffen weltweit etwa 31 % der Bevölkerung. Ein großer Teil dieser Beschwerden wird der Muskulatur zugeschrieben. Bei der Untersuchung zeigt sich die betroffene Muskulatur häufig druck- oder berührungsempfindlich. Nicht selten lassen sich lokale Verhärtungen oder sogenannte Triggerpunkte tasten.


Das subjektive Gefühl einer „Verspannung“ gehört dabei zu den häufigsten Beschwerden. Besonders häufig tritt sie im Bereich der Nacken- und Schultermuskulatur auf und begleitet oftmals Erkrankungen wie Arthrose oder rheumatoide Arthritis.


Lange Zeit wurde angenommen, dass verspannte Muskeln dauerhaft stärker aktiviert seien und deshalb nicht mehr „lockerlassen“ könnten. Nach aktuellem wissenschaftlichem Kenntnisstand lässt sich diese Annahme jedoch nicht eindeutig bestätigen.


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Was passiert bei einer Verspannung wirklich?


Eine häufige Aussage lautet:

„Wenn man immer wieder Verspannungen hat, verkürzen sich die Muskeln, ziehen sich zusammen und werden dauerhaft hart.“


Diese Vorstellung entspricht nach heutigem Forschungsstand nur teilweise der Realität.


Studien zeigen, dass verspannte Muskeln objektiv meist nicht steifer oder anatomisch härter sind als beschwerdefreie Muskeln. Vielmehr weisen sie häufig eine erhöhte Druckempfindlichkeit auf. Das subjektive Gefühl von Steifigkeit oder Verkrampfung entsteht daher nicht zwangsläufig durch eine tatsächliche strukturelle Veränderung der Muskulatur.


Verspannungen sind vielmehr ein komplexes Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Neben lokalen Muskelveränderungen spielen die Verarbeitung von Schmerzen im Nervensystem, individuelle Belastbarkeit sowie psychosoziale Einflüsse eine entscheidende Rolle.


Wie entstehen muskuläre Verspannungen?


Die Ursachen sind vielfältig und lassen sich selten auf einen einzelnen Auslöser zurückführen.

Eine verminderte muskuläre Belastbarkeit kann Beschwerden begünstigen. Ebenso können ungewohnte oder lang anhaltende Belastungen die Muskulatur vorübergehend überfordern. Entscheidend ist dabei jedoch nicht eine einzelne „falsche Bewegung“, sondern vielmehr die individuelle Belastbarkeit des Gewebes.


Zu den wichtigsten Einflussfaktoren zählen:

  • körperliche Inaktivität

  • geringe Kraft- und Ausdauerfähigkeit

  • lang andauernde einseitige Belastungen

  • psychischer Stress

  • Schlafmangel

  • emotionale Belastungen


Insbesondere Stress spielt eine bedeutende Rolle. Sobald wir Stress empfinden oder uns in einer psychisch belastenden Situation befinden, reagiert unser Nervensystem mit einer erhöhten Muskelaktivität. Diese Schutzreaktion ist grundsätzlich sinnvoll. Hält sie jedoch über längere Zeit an, kann sie zur Entstehung oder Aufrechterhaltung von Schmerzen beitragen.


Eine Studie deutscher Versicherungsanstalten mit mehr als 1.200 Teilnehmenden zeigte einen deutlichen Zusammenhang zwischen subjektivem Stressempfinden und Verspannungsbeschwerden. Im Berufsleben nehmen diese Beschwerden mit zunehmendem Alter zu und erreichen ihren Höhepunkt zwischen dem 44. und 50. Lebensjahr.


Wie häufig sind Verspannungen?


Beschwerden, die von Betroffenen als „Verspannungen“ beschrieben werden, gehören zu den häufigsten muskuloskelettalen Problemen:

  • 30–50 % der Erwachsenen berichten innerhalb eines Jahres über Nackenbeschwerden.

  • Die jährliche Neuerkrankungsrate liegt bei etwa 20 %.

  • Chronische muskuloskelettale Schmerzen betreffen weltweit rund 31 % der Bevölkerung.

  • Bei Sportlerinnen und Sportlern liegt die Ein-Jahres-Prävalenz von Nackenschmerzen je nach Sportart zwischen 38 % und 73 %.


Welche Muskeln sind besonders häufig betroffen?


Vor allem drei Muskeln reagieren empfindlich auf lang anhaltenden Stress oder hohe Alltagsbelastungen:

  • Schulterblattheber (M. levator scapulae)

  • Trapezmuskel (M. trapezius)

  • Obergrätenmuskel (M. supraspinatus)


Beschwerden im Bereich des Schulterblatthebers können zusätzlich die Hinterhauptsnerven irritieren und dadurch Kopfschmerzen begünstigen.


Was hilft bei muskulären Verspannungen?


Die aktuellen klinischen Leitlinien empfehlen einen multimodalen Therapieansatz. Dieser kombiniert Aufklärung, Bewegung, aktives Training und – sofern sinnvoll – manuelle Therapie.


Bewegung und Krafttraining

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass regelmäßige Bewegung und gezieltes Krafttraining langfristig zu den wirksamsten Maßnahmen gehören.


Regelmäßiges Training verbessert:

  • Muskelkraft

  • Kraftausdauer

  • Belastbarkeit

  • Bewegungsqualität

  • Nackenfunktion

  • Alltagsbelastbarkeit


Darüber hinaus sinkt das Risiko, dass Beschwerden erneut auftreten.


Bereits die allgemeinen Bewegungsempfehlungen können einen positiven Effekt haben:

  • mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche

  • zwei bis drei Krafttrainingseinheiten pro Woche

  • regelmäßige aktive Pausen bei überwiegend sitzender Tätigkeit


Manuelle Therapie

Massagen, Mobilisationen oder andere manuelle Techniken können Schmerzen kurzfristig lindern und das Wohlbefinden verbessern.


Die aktuelle Evidenz zeigt jedoch, dass passive Maßnahmen allein langfristig meist weniger wirksam sind als eine Kombination aus manueller Therapie und aktivem Training.


Deshalb verschiebt sich der Schwerpunkt der modernen Physiotherapie zunehmend:

Von

  • passiven Anwendungen

  • Massage allein

  • Dehnen allein

Hin zu

  • individuell dosiertem Belastungsaufbau

  • Krafttraining

  • Bewegung unter Belastung

  • Verbesserung der motorischen Kontrolle

  • aktiver Eigenverantwortung der Patientinnen und Patienten


Fazit


Muskuläre Verspannungen sind deutlich komplexer als eine „verhärtete Muskulatur“. Nach aktuellem Forschungsstand handelt es sich um ein multifaktorielles Beschwerdebild, bei dem körperliche Belastbarkeit, Nervensystem, Stress und psychosoziale Faktoren eng miteinander zusammenwirken.


Passive Maßnahmen wie Massagen können Beschwerden kurzfristig lindern und einen sinnvollen Bestandteil der Behandlung darstellen. Für einen nachhaltigen Therapieerfolg sollten sie jedoch durch aktive Maßnahmen ergänzt werden.


Regelmäßige Bewegung, gezieltes Krafttraining und eine individuell angepasste Physiotherapie verbessern nachweislich Schmerzen, Funktion und Belastbarkeit und tragen dazu bei, wiederkehrenden Beschwerden langfristig vorzubeugen.


Denken Sie daran: Aktive Strukturen brauchen aktive Therapie.



Über die Autorin



Mareike


Physiotherapeutin der Die Zwei Physiotherapie in Berlin Wilmersdorf



Porträt von Mareike, Physiotherapeutin und Blog-Autorin zum Thema "muskuläre Verspannung"
Bild der Autorin Physiotherapeutin Mareike


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Literatur und Quellen

  1. PEDro – Physiotherapy Evidence Database. Evidenzbasierte Datenbank für physiotherapeutische Forschung und Leitlinien. Verfügbar unter: https://pedro.org.au/german/

  2. Cochrane Library. Internationale Datenbank systematischer Übersichtsarbeiten und evidenzbasierter Gesundheitsforschung. Verfügbar unter: https://www.cochranelibrary.com/

  3. Physio Austria. Lexikon: Verspannung. Österreichischer Bundesverband der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Verfügbar unter: https://www.physiotherapie.at/lexikon/verspannung

  4. ScienceDirect. Aktuelle wissenschaftliche Publikation zu muskulären Schmerzen und Verspannungen. Verfügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1529943025003444

  5. PubMed®. National Library of Medicine. Internationale Datenbank biomedizinischer und medizinischer Fachliteratur. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/

  6. Springer Medizin. Fachportal für medizinische und physiotherapeutische Fachartikel. Verfügbar unter: https://www.springermedizin.de/

  7. National Library of Medicine (NLM). Wissenschaftliche Fachliteratur und medizinische Datenbanken. Verfügbar unter: https://www.nlm.nih.gov/


 
 
 

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