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Bewegung – das beste Medikament der Welt?

  • Autorenbild: Cyrill Rasmussen
    Cyrill Rasmussen
  • 28. März
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 22. Apr.

Bewegung begleitet den Menschen durch den gesamten Alltag. Für viele beginnt der Tag  mit dem Aufstehen. Am Bettrand streckt und reckt man sich, und dann führt der erste Weg in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Man bewegt sich durch die Wohnung, verlässt das Haus, geht zur Arbeit oder erledigt alltägliche Aufgaben.


Überall auf diesen Wegen finden sich heutzutage Hilfsmittel, die den Alltag erleichtern. Rolltreppen ersetzen das Treppensteigen, Transportmittel verkürzen Wege, und viele Tätigkeiten lassen sich bequem im Sitzen erledigen. Mit all diesen Bequemlichkeiten machen wir es uns immer einfacher – so einfach, dass wir uns im Extremfall kaum noch bewegen müssen. Schon heute wäre es möglich, die eigene Wohnung kaum noch zu verlassen, da sich nahezu alles direkt von zu Hause aus steuern lässt. 


Der wachsende Bewegungsmangel und seine Auswirkungen werden im Praxisalltag immer wieder sichtbar. Essenzielle alltägliche Bewegungen gehen im Laufe der Zeit zunehmend verloren: Der natürliche Sitz (tiefe Kniebeuge), das Aufstehen vom Boden,  Treppensteigen, auf einem Bein stehen, Springen oder Rennen – selbst das Gehen – fallen plötzlich schwer, obwohl sie einst selbstverständlich waren.


So entsteht ein deutlicher Unterschied zwischen dem, wofür unser Körper gemacht ist,  und dem, wie wir ihn heute im Alltag nutzen. Daraus ergibt sich eine zentrale Frage: Wie viel Bewegung benötigt der Mensch eigentlich, um gesund zu bleiben? 


Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Zusammenhänge im Körper: Welche Rolle spielt Bewegung für den menschlichen Organismus? Welche  Auswirkungen hat Bewegungsmangel auf Gesundheit und Wohlbefinden? Und was zeigt  die aktuelle wissenschaftliche Studienlage zu diesem Thema?


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Der Mensch ist für Bewegung gemacht 


Der Mensch ist für Bewegung gemacht. Über Jahrtausende, vielleicht sogar Millionen  Jahre, entwickelte sich der Mensch als Jäger, Sammler und Wanderer in Umgebungen,  die ständige körperliche Aktivität erforderten. Jede Bewegung – ob Laufen, Klettern,  Werfen, Heben oder Treten – war Teil des Überlebens: Nahrung musste gesucht und  gejagt, Wasser und Materialien getragen, Kinder beschützt und Werkzeuge gebaut  werden. Unser Körper formte sich in diesem Kontext: Muskeln, Gelenke, Knochen, Herz Kreislauf-System und sogar unser Stoffwechsel sind optimal auf regelmäßige, vielfältige  Bewegung ausgelegt. 


Erst in den letzten ca. 250 Jahren hat sich die Lebensumwelt des Menschen so drastisch  verändert, dass körperliche Anstrengung im Alltag kaum noch erforderlich ist.  Transportmittel, technische Hilfsmittel, digitale Kommunikation und sitzende Berufe  reduzieren die natürliche Bewegung fast vollständig. Dadurch kommt es zu  einem enormen Bruch zwischen biologischer Anlage und modernen  Lebensgewohnheiten, der sich in zunehmendem Bewegungsmangel und den daraus  resultierenden gesundheitlichen Problemen zeigt. 


Ein besonders anschauliches Beispiel liefern die Hadza in Tansania, eine der letzten noch  traditionell lebenden Jäger- und Sammlergesellschaften. Hier erreichen Erwachsene im  natürlichen Alltag im Durchschnitt etwa 135 Minuten moderate bis intensive körperliche  Aktivität (MVPA) pro Tag – ein Niveau, das in industriellen Gesellschaften fast unerreicht  bleibt, denn verglichen mit großen epidemiologischen Studien in den USA zeigten die  Hadza über 14 Mal so viel aktive Zeit in moderater bis intensiver Bewegung. 


Moderate und intensive Bewegung wird von der WHO wie folgt definiert


Moderate körperliche Aktivität: 

Aktivität, bei der sich der Körper merklich anstrengt, z. B. zügiges Gehen, Radfahren in  normalem Tempo, Gartenarbeit oder Tanzen.


Intensive körperliche Aktivität: 

Aktivität, die den Puls und die Atmung deutlich erhöht – zum Beispiel Joggen, schnelles  Schwimmen, intensives Radfahren oder Mannschaftssportarten. 


Schauen wir in Deutschland wie es mit der Bewegung aussieht so zeigt die KiGGS Studie,  dass zwischen 3-6 Jahren von 2009-2012 51% der Mädchen und 52% der Jungen die Bewegungsempfehlung von 60min pro Tag der WHO erreichen. Bei der KiGGs Welle 2 zwischen 2014-2017 nimmt die Zahl leicht ab. Mit zunehmenden Alter nimmt der Anteil an körperlicher Aktivität bei Kindern deutlich ab. Bereits zwischen 7-10 Jahren sinkt der Wert um ca. 20% bei Mädchen und Jungen. Im Alter von 14-17 Jahren erreichen nur noch  8% der Mädchen und 16% der Jungen die Bewegungsanforderungen der WHO.  


Doch welche Folgen hat dieser Bewegungsmangel für unseren Körper und unsere  Gesundheit?


Bewegung spielt bereits in den ersten Lebensjahren eine entscheidende Rolle. Besonders in der frühen Kindheit durchläuft der Mensch wichtige Entwicklungsphasen: In den ersten beiden Lebensjahren entwickeln sich grundlegende Bewegungsmuster wie Drehen, Krabbeln, Stehen und Gehen. Im Alter von etwa 2-6 Jahren werden darauf aufbauend motorische Basisfähigkeiten wie Laufen, Springen, Werfen, Klettern und Balancieren erlernt. In der darauffolgenden Phase, etwa zwischen 6-12 Jahren, werden diese Bewegungen weiter verfeinert, die Koordination verbessert sich und komplexere Bewegungsabläufe können ausgeführt werden.

Diese Entwicklung bildet die Grundlage für alle weiteren Bewegungen im späteren Leben und beeinflusst langfristig Kraft, Koordination und Gesundheit. Umso problematischer ist der Blick auf die Realität: Nur etwa die Hälfte der Kinder im Alter von 3 - 6 Jahren erfüllt die Bewegungsempfehlungen der WHO, und in den darauffolgenden Altersgruppen sinkt dieser Anteil auf nur noch rund ein Drittel.

Schlussfolgernd bedeutet das, dass nur etwa die Hälfte der Kinder grundlegende Bewegungen wie Laufen, Springen, Werfen, Klettern und Balancieren ausreichend erlernt. Von dieser Gruppe ist es wiederum nur ein Teil, der darauf aufbauen kann, um Bewegungen weiter zu verfeinern, die Koordination zu verbessern und komplexere Bewegungsabläufe sicher auszuführen.


Anteil der Personen, welche die Bewegungsempfehlung der WHO im Alter von 3 bis 17 Jahren erreichen nach Geschlecht
Anteil der Personen (zwischen 3-17 Jahre), welche die WHO Bewegungsempfehlung erreichen nach Geschlecht

Wie Bewegung auf unseren Körper wirkt 


Eine der einflussreichsten wissenschaftlichen Übersichtsarbeiten zu diesem Thema ist  die Meta-Analyse Fitness vs. Fatness on All-Cause Mortality von Vaughn et al. aus dem  Jahr 2014. Darin wurden zehn prospektive Studien mit objektiv gemessener  Ausdauerfitness und dem Body Mass Index (BMI) zusammen mit der Sterblichkeit  untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Menschen mit niedriger Fitness haben ein rund doppelt so hohes Risiko für vorzeitigen Tod, unabhängig davon, ob sie normalgewichtig,  übergewichtig oder adipös sind. Übergewichtige und adipöse Personen mit guter Fitness  hatten dagegen ein ähnlich geringes Sterblichkeitsrisiko wie normalgewichtige fitte  Menschen.


Studienergebnisse: Korrelation zwischen Ausdauerfitness und dem Body Mass Index (BMI) im Zusammenhang mit der Sterblichkeit
Meta-Analyse Fitness vs. Fatness on All-Cause Mortality von Vaughn aus dem Jahr 2014

Studienergebnisse: Korrelation zwischen Ausdauerfitness und dem Body Mass Index (BMI) im Zusammenhang mit der Sterblichkeit
Meta-Analyse Fitness vs. Fatness on All-Cause Mortality von Vaughn aus dem Jahr 2014

Studienergebnisse: Korrelation zwischen Ausdauerfitness und dem Body Mass Index (BMI) im Zusammenhang mit der Sterblichkeit
Meta-Analyse Fitness vs. Fatness on All-Cause Mortality von Vaughn aus dem Jahr 2014

Warum Bewegung als die „beste Medizin“ gilt


Die Meta-Analyse zeigt klar: Fitness beeinflusst das Sterblichkeitsrisiko stärker als das  Körpergewicht selbst. Das bedeutet, dass es mehr zählt, körperlich aktiv und fit zu sein,  als lediglich ein bestimmtes Gewicht zu erreichen. Bewegung wirkt dabei auf nahezu  jedes Organsystem – vom Herz-Kreislauf-System über den Stoffwechsel bis hin zum  Gehirn – und reduziert das Risiko für eine Vielzahl von Erkrankungen. 


Kein Medikament entfaltet eine vergleichbar breite und ganzheitliche Wirkung. Deshalb  wird Bewegung häufig als die „beste Medizin“ bezeichnet. Doch auch hier gilt: Die Dosis  macht das Gift.  


Wie viel Bewegung brauchen wir also? 


Wenn wir uns an den Empfehlungen der WHO orientieren, sollten sich Kinder und  Jugendliche mindestens 60 Minuten pro Tag moderat bis intensiv bewegen. Für  Erwachsene gilt eine Mindestempfehlung von 150 Minuten pro Woche, was etwa 21  Minuten pro Tag entspricht. 


Vergleicht man diese Werte mit der natürlichen Lebensweise der Hadza, wird der  Unterschied deutlich. Erwachsene der Hadza erreichen im Durchschnitt etwa 135 

Minuten moderate bis intensive Bewegung pro Tag. Das entspricht einer Differenz von rund 114 Minuten täglich – also mehr als das Sechsfache an Bewegung. Diese Zahlen zeigen eindrücklich, wie weit sich unser heutiger Lebensstil von dem  entfernt hat, wofür unser Körper ursprünglich gemacht ist.


Letztlich liegt die Entscheidung jedoch bei jedem selbst. Es geht nicht zwingend darum,  täglich ins Fitnessstudio zu gehen, sondern darum, Bewegung wieder bewusst in den  Alltag zu integrieren. 


Also nimmst du beim nächsten Mal die Treppe – oder den Fahrstuhl? 


Über den Autor



Cyrill Rasmussen


Physiotherapeut und Geschäftsführer der Die Zwei Physiotherapie in Berlin Wilmersdorf



Bild vom Autor Cyrill Rasmussen
Bild vom Autor Cyrill Rasmussen

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Quellen: 

  • Raichlen DA, Pontzer H, Harris JA, Mabulla AZP, Marlowe FW, Snodgrass JJ, Eick  GE, Berbesque JC, Sancilio A, Wood BM. 

    Physical activity patterns and biomarkers of cardiovascular disease risk in  hunter-gatherers. 

    American Journal of Human Biology. 2017;29(2):e22919. 

    DOI: 10.1002/ajhb.22919 

    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27723159/ 

  • National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) 

    Centers for Disease Control and Prevention (CDC). National Health and Nutrition  Examination Survey Data.U.S. Department of Health and Human Services,  Centers for Disease Control and Prevention. 2003–2006. 

    URL: https://www.cdc.gov/nchs/nhanes/index.htm 

    National Health Interview Survey (NHIS) 

    Centers for Disease Control and Prevention (CDC). National Health Interview  Survey. U.S. Department of Health and Human Services, Centers for Disease  Control and Prevention. 2010–2020. 

    URL: https://www.cdc.gov/nchs/nhis/index.htm 

  • 3. KiGGS – körperliche Aktivität bei Kindern und Jugendlichen 

    Finger J D, Varnaccia G, Borrmann A, Lange C, Mensink G. 

    Physical activity among children and adolescents in Germany: Results of the  cross-sectional KiGGS Wave 2 study and trends. 

    Journal of Health Monitoring. 2018;3(1):23-30. 

    DOI: 10.17886/RKI-GBE-2018-023.2 

  • 4. World Health Organization (2010). 

    Global recommendations on physical activity for health. 

    Geneva: World Health Organization. 

    URL: https://www.who.int/publications/i/item/9789241599979 

  • 5. Barry A. Franklin, Carl J. Lavie, Steven N. Blair, James B. Kaminsky (2014). Fitness vs. fatness on all-cause mortality: A meta-analysis. 

    Progress in Cardiovascular Diseases, 56(4), 382–390. 

    DOI: 10.1016/j.pcad.2013.09.002

 
 
 

1 Kommentar


Annette
Annette
05. Apr.

Ik observeer dat de aanpak systematisch en op bewijs gebaseerd is. Beweringen blijven goed onderbouwd door beschikbaar bewijs. De website levert complementair referentiemateriaal over het onderwerp. Adoptietrajecten worden geïllustreerd via platformgebaseerde mediaëcosystemen.

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